Ist Prostitution in Europa überall legal? Nein, und genau das macht Reisen kompliziert. Die EU hat keine Zuständigkeit für ein einheitliches Prostitutionsrecht; jeder Staat entscheidet selbst. Zwischen München und Paris liegen nicht nur ein paar Stunden Zugfahrt, sondern zwei völlig verschiedene Rechtsmodelle.
Dieser Überblick zeigt die Rechtslage zur Sexarbeit in ausgewählten europäischen Ländern, Stand Oktober 2026. Er ist allgemeine Information und keine Rechtsberatung. Gesetze ändern sich, und lokale Regeln (Sperrbezirke, Bauplanungsrecht, kommunale Auflagen) kommen oft noch hinzu. Nur für Erwachsene.
Die vier Grundmodelle
Grob lassen sich vier Ansätze unterscheiden, eine Einteilung, die auch der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments nutzt:
Legalisierung / Regulierung: Anbieten und Kaufen sind legal, der Staat knüpft das aber an Bedingungen wie Anmeldung, Erlaubnis oder Gesundheitsauflagen.
Entkriminalisierung: Sexarbeit unter einvernehmlichen Erwachsenen fällt aus dem Strafrecht; Ausbeutung und Menschenhandel bleiben strafbar.
Freierbestrafung („nordisches Modell“): Anbieten ist legal, Kaufen strafbar.
Grauzone: Anbieten und Kaufen sind nicht strafbar, aber Bordelle und fast jede Beteiligung Dritter sind verboten, und eine positive Regulierung fehlt weitgehend.
In allen Ländern unten sind Menschenhandel, Zwang, Ausbeutung und jede Beteiligung Minderjähriger strafbar.
Deutschland: legal, mit Anmeldepflicht nach ProstSchG
Mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 wurde Sexarbeit in Deutschland legalisiert. Das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) gilt seit dem 1. Juli 2017. Es brachte eine Anmeldepflicht für Prostituierte, eine verpflichtende gesundheitliche Beratung, eine Erlaubnispflicht für Prostitutionsgewerbe und eine Kondompflicht.
Die gesetzlich vorgesehene Evaluation wurde dem Bundestag im Juni 2025 vorgelegt. Ergebnis: Das Gesetz erreicht seine Ziele zu einem erheblichen Teil, ist also nicht gescheitert, hat aber deutliche Schwächen. Vor allem melden sich viele Prostituierte nicht an, oft wegen Stigmatisierung und Sorgen um die Sicherheit ihrer Daten. Seit November 2025 arbeitet eine unabhängige Prostituiertenschutz-Kommission. Erste Vorschläge für Gesetzesänderungen sollen etwa Ende November 2026 vorliegen. Ob am Ende Nachbesserungen oder ein Systemwechsel stehen, ist offen.
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Österreich: legal, Ländersache
In Österreich ist Sexarbeit für Erwachsene legal. Wo, wann und unter welchen Bedingungen sie angeboten werden darf, regeln aber die neun Bundesländer. Einige, etwa Wien, verlangen vor Arbeitsbeginn eine Registrierung. Bundesweit gelten regelmäßige verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen und ein Gesundheitsausweis.
Schweiz: legal, mit kantonalen Regeln
Prostitution ist in der Schweiz seit Jahrzehnten legal; ein Urteil des Bundesgerichts von 1942 stellte klar, dass Kantone sie nicht grundsätzlich verbieten dürfen. Kantone und Gemeinden regeln die Details, etwa Bewilligungen, Zonen und Öffnungszeiten. Die Regeln in Zürich und Genf sind deshalb nicht dieselben.
Niederlande: legal, kommunal reguliert
Am 1. Oktober 2000 wurde das allgemeine Bordellverbot aufgehoben. Seitdem ist freiwillige Sexarbeit durch Erwachsene mit Arbeitserlaubnis legal; Sexbetriebe werden vor allem von den Gemeinden über lokale Genehmigungen reguliert. Selbstständige, die allein arbeiten, brauchen in der Regel keine Genehmigung, lokale Regeln weichen aber ab.
Jahrelang wurde an einem landesweiten Gesetz gearbeitet, der Wet regulering sekswerk (Wrs). Sie hätte eine nationale Erlaubnis- und Registrierungspflicht für Sexarbeitende ab 21 Jahren und für Betriebe gebracht. Im Frühjahr 2026 teilte das Kabinett dem Parlament mit, die Wrs nicht weiterzuverfolgen, nach Kritik u. a. aus der Branche, von Gesundheitsfachleuten, der Datenschutzbehörde, dem Staatsrat und Menschenrechtsorganisationen. Stattdessen plant die Regierung eine kommunale Aufsicht über Sexbetriebe und ein Mindestalter von 21 Jahren. Beides gilt noch nicht.
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Belgien: entkriminalisiert, mit Arbeitsrecht für Sexarbeit
Belgien hat 2022 sein Strafrecht reformiert und einvernehmliche Sexarbeit unter Erwachsenen entkriminalisiert. Ausbeutung, Zwang und Menschenhandel bleiben strafbar. Das Gesetz vom 3. Mai 2024 über Sexarbeit im Arbeitsvertrag gilt seit dem 1. Dezember 2024: Anerkannte Arbeitgeber dürfen Sexarbeitende mit regulärem Arbeitsvertrag und voller sozialer Absicherung beschäftigen. Kunden oder einzelne Handlungen dürfen jederzeit abgelehnt werden. Gegen das Gesetz von 2024 ist eine Klage beim Verfassungsgerichtshof anhängig; ein Urteil haben wir bei Redaktionsschluss nicht gefunden.
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Frankreich: Freierbestrafung seit 2016
Das Gesetz vom 13. April 2016 macht den Kauf sexueller Handlungen strafbar; das Anbieten wird nicht bestraft. Sexarbeitende klagten dagegen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Im Fall M.A. u. a. gegen Frankreich (Juli 2024) sah der Gerichtshof keine Verletzung des Rechts auf Privatleben, betonte aber, dass Frankreich das Gesetz laufend überprüfen muss.
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Schweden und Norwegen: das nordische Modell
Schweden war Vorreiter: Das Sexkaufverbot gilt seit dem 1. Januar 1999. Norwegen folgte mit einem ähnlichen Verbot, in Kraft seit 2009. In beiden Ländern ist das Anbieten straffrei, der Kauf strafbar. Irland (2017) und Nordirland (2015) haben Varianten dieses Modells eingeführt.
Spanien und Italien: die Grauzone
In Spanien sind Anbieten und Kaufen unter Erwachsenen nicht strafbar, Zuhälterei und Ausbeutung schon. Einen nationalen Rahmen, der Sexarbeit als Beruf regelt, gibt es nicht. Mehrere Anläufe für ein abolitionistisches Gesetz sind gescheitert; laut spanischen Medien liegt 2026 kein solcher Entwurf im Parlament.
In Italien schloss die Legge Merlin von 1958 die staatlich konzessionierten Bordelle und stellte das Betreiben, Fördern oder Ausnutzen der Prostitution anderer unter Strafe. Die Prostitution einer erwachsenen Person ist an sich nicht strafbar, aber nicht positiv geregelt.
Vereinigtes Königreich: Anbieten legal, viele Begleitdelikte
In England und Wales ist Sex gegen Geld zwischen Erwachsenen an sich nicht illegal. Strafbar sind aber u. a. wiederholtes Anwerben auf der Straße, Kerb-Crawling (Ansprechen vom Auto aus), das Führen eines Bordells, das Steuern von Prostitution zum eigenen Vorteil und das Bezahlen von Sex mit jemandem, der Zwang, Drohung oder Täuschung ausgesetzt ist. Nordirland stellte den Sexkauf 2015 unter Strafe. In Schottland scheiterte ein Gesetzentwurf zur Freierbestrafung im Februar 2026 in der ersten Lesung (Stage 1).
Vergleichstabelle
Land | Modell | Anbieten legal? | Kaufen legal? | Anmeldung / Erlaubnis | Zentrales Gesetz und Jahr |
|---|---|---|---|---|---|
Deutschland | Legal, reguliert | Ja | Ja | Anmeldepflicht für Prostituierte; Erlaubnis für Gewerbe | ProstSchG, 2017 |
Österreich | Legal, reguliert | Ja | Ja | Je nach Bundesland (z. B. Registrierung in Wien); Gesundheitsuntersuchungen | Landesgesetze; Bundes-Gesundheitsregeln |
Schweiz | Legal, kantonal | Ja | Ja | Kantonale Bewilligung / Registrierung | Bundesgerichtsurteil, 1942 |
Niederlande | Legal, reguliert | Ja | Ja | Kommunale Genehmigung für Betriebe; nationale Wrs 2026 gestoppt | Aufhebung Bordellverbot, 2000 |
Belgien | Entkriminalisiert | Ja | Ja | Anerkannte Arbeitgeber für angestellte Sexarbeit | Strafrechtsreform 2022; Arbeitsgesetz 2024 |
Frankreich | Freierbestrafung | Ja | Nein | Keine | Gesetz Nr. 2016-444, 2016 |
Schweden | Nordisches Modell | Ja | Nein | Keine | Sexkaufverbot, 1999 |
Norwegen | Nordisches Modell | Ja | Nein | Keine | Änderung des Strafgesetzbuchs, 2009 |
Spanien | Grauzone | Ja | Ja | Kein nationaler Rahmen | Zuhälterei strafbar; kein eigenes Gesetz |
Italien | Grauzone | Ja | Ja | Keine; Bordelle verboten | Legge Merlin, 1958 |
UK (England & Wales) | Anbieten legal, Begleitdelikte | Ja | Ja, mit Ausnahmen | Keine | Sexual Offences Acts; Policing and Crime Act 2009 |
Die Tabelle vereinfacht. Sperrbezirke, kommunale Auflagen und aufenthaltsrechtliche Regeln können in der Praxis entscheidend sein.
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Kurz gesagt
Europa reicht von regulierten Systemen (Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande) über Entkriminalisierung (Belgien) bis zur Freierbestrafung (Frankreich, Schweden, Norwegen, Irland, Nordirland) und Grauzonen (Spanien, Italien). Deutschland überprüft das ProstSchG, die niederländische Wrs ist vom Tisch, und Belgiens Arbeitsgesetz liegt beim Verfassungsgerichtshof. Vor Reisen die lokalen Regeln prüfen. Dieser Artikel ist allgemeine Information, keine Rechtsberatung. Nur 18+.
Quellen
Europäisches Parlament (EPRS), Regulation of prostitution in the European Union (2024): https://www.europarl.europa.eu/thinktank/en/document/EPRS_IDA(2024)762354
BMBFSFJ, Evaluation des ProstSchG und Prostituiertenschutz-Kommission: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/prostituiertenschutzgesetz/evaluation-und-prostituiertenschutz-kommission-186940
Österreichisches Bundesministerium, Sexuelle Dienstleistungen: https://www.bmfwf.gv.at/frauen-und-gleichstellung/sexuelledienstleistungen.html
Schweizer Bundesrat, Bericht Prostitution und Menschenhandel (2015): https://www.parlament.ch/centers/eparl/curia/2013/20133332/Bericht%20BR%20D.pdf
Tweede Kamer (NL), Schreiben zur nationalen Sexarbeitspolitik und zur Wrs (2026): https://www.tweedekamer.nl/kamerstukken/brieven_regering/detail?did=2026D22050&id=2026D22050
Open Kamer, Zeitleiste Gesetzentwurf 35715 (Wrs): https://www.openkamer.org/dossier/tijdlijn/35715/
Wetgevingskalender Overheid.nl, Wet regulering sekswerk: https://wetgevingskalender.overheid.nl/Regeling/WGK009724
Het CCV, Sexarbeitspolitik für Gemeinden: https://hetccv.nl/themas/integraal-veiligheidsbeleid/sekswerkbeleid/
Eerste Kamer, Aufhebung des allgemeinen Bordellverbots (25.437): https://www.eerstekamer.nl/wetsvoorstel/25437_opheffing_algemeen
Belgisches Staatsblatt (Justel), Gesetz vom 3. Mai 2024 über Sexarbeit im Arbeitsvertrag: https://www.ejustice.just.fgov.be/eli/loi/2024/05/03/2024202750/justel
AP News, Belgiens Arbeitsgesetz für Sexarbeit (Dez. 2024): https://apnews.com/article/belgium-sex-workers-social-protection-health-2f935f414572517d74a46c682419f20b
EGMR, M.A. u. a. gegen Frankreich (2024): https://hudoc.echr.coe.int/eng?i=001-235426
Schwedische Gesetzessammlung, Gesetz 1998:408: https://rkrattsbaser.gov.se/sfst?bet=1998%3A408
Lovdata, norwegisches Sexkaufverbot (2008, in Kraft 2009): https://lovdata.no/dokument/LTI/lov/2008-12-12-104
Gazzetta Ufficiale, italienisches Gesetz 75/1958 (Legge Merlin): https://www.gazzettaufficiale.it/atto/vediMenuHTML?atto.codiceRedazionale=058U0075&atto.dataPubblicazioneGazzetta=1958-03-04&tipoSerie=serie_generale&tipoVigenza=originario
Europa Press, spanische Regierung zum Abolitionsgesetz (Mai 2026): https://www.europapress.es/epsocial/igualdad/noticia-gobierno-dice-abolicion-prostitucion-propuesta-psoe-centra-aprobar-ley-trata-20260505140157.html
Crown Prosecution Service, Prostitution and Exploitation of Prostitution: https://cps.gov.uk/publication/prostitution-and-exploitation-prostitution
legislation.gov.uk, Human Trafficking and Exploitation Act (Northern Ireland) 2015: https://www.legislation.gov.uk/nia/2015/2/part/2/crossheading/paying-for-sexual-services-of-a-person/enacted
Schottisches Parlament, Prostitution (Offences and Support) (Scotland) Bill: https://www.parliament.scot/bills-and-laws/bills/s6/prostitution-offences-and-support-scotland-bill
Irish Statute Book, Criminal Law (Sexual Offences) Act 2017: https://www.irishstatutebook.ie/eli/2017/act/2/enacted/en/print